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Anneliese Gültzgoff – Henecka

16.10.1927 Wuppertal - 31.08.2015 Düsseldorf

 

Die Bildhauerin Anneliese Gültzgoff-Henecka (auch genannt Anna Henecka) wurde am 16. Oktober 1927 in Wuppertal - Elberfeld geboren. Ihr Vater Dr. Hans Henecka stammte aus Böhmen, Ihre Mutter Auguste Henecka, geborene Villier, aus Südfrankreich. Ihr Vater hatte als Chemiker im Bayer-Konzern an der Entwicklung von Schmerzmitteln maßgeblich mitgewirkt. Er war zugleich ein Musiker, der hervorragen das Geigenspiel beherrschte. Ihre Mutter hatte bereits als junges Mädchen an der Musikhochschule Mannheim eine Ausbildung als Pianistin erhalten. In Mannheim hatten sich ihre Eltern kennen gelernt und mit 18 Jahren geheiratet.

 

Anna Henecka wuchs als Einzelkind in einem Elternhaus auf, das ihr eine weit reichende musikalische, literarische wie auch künstlerische Bildung vermittelte. Sie erlebte eine glückliche Kindheit. Ihre Mutter war Meisterin der Badischen Küche. Das Haus der Familie in der Freyastraße 8 lag oberhalb des Wuppertaler Zoos. Wegen seiner gastfreundschaftlichen Atmosphäre, die auch die heranwachsende Anna miterlebte, war es bekannt und geschätzt.

 

Anna erlernte mit großer Leichtigkeit das Klavierspiel bei der Pianistin Cläre Hanisch und gab auch selbst schon Solokonzerte. Jahre später lernte sie bei einem Aufenthalt in Indien die 18saitige Sitar (eine Langhalslaute) spielen. Die Musik war ein wichtiger Faktor in ihrer künstlerischen Tätigkeit. Sie fand in vielen ihrer Skulpturen später ihren Ausdruck.

Als Kind verbrachte Anna ihre Tage häufig im Wuppertaler Zoo. Schon sehr früh begann sie die Tiere, die sie so liebte, zu zeichnen und zu modellieren. Sie besuchte das Mädchengymnasium in Wuppertal und legte zum Ende ihrer Schulzeit bereits ein ganzes Konvolut von Zeichnungen vor. Bei einem Bombenangriff gegen Ende des 2. Weltkrieges verbrannten diese Zeichnungen.

 

Anna Gültzgoff - Henecka,
Foto: Erich VetterAnna Gültzgoff - Henecka, Foto: Erich Vetter

 

 

Nach der Schulzeit setzte sie ihre Ausbildung im Zeichnen an der Kunstgewerbeschule in  Elberfeld fort. Sie konzentrierte sich insbesondere auf das Modellzeichnen bei dem Kunstlehrer Arthur Ertle aus Köln in dessen Düsseldorfer Atelier im Künstler-Atelierhaus Sittarderstraße 5. Der Maler, Theo Champion wurde auf die junge Künstlerin aufmerksam. Auf seine Empfehlung hin bewarb sie sich für das Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Zum Sommersemester 1951 wurde sie aufgenommen und studierte dort bis 1956 Architekturplastik und freie Skulptur in den Bildhauerklassen der Professoren Josef "Sepp" Mages und Zoltan Szekessy. Als Gaststudentin studierte sie an der Kölner Universität zugleich Ostasiatische Kunst und Theaterwissenschaft.

Zwei Jahre lang war sie Assistentin der aus München kommenden Bühnenbildnerin Isolde Schwarz (für Bühnenbild und Kostüme) an den Städtischen Bühnen Wuppertal.

Anna HeneckaAnna Henecka

 

Auf die Frage, warum sie sich als Kunststudentin für die Ausbildung zur Bildhauerin und nicht für die zur Malerin entschieden habe, antwortete sie: „Weil ich alles plastisch gesehen habe. Ein Bildhauer sieht die Welt vom plastischen Gestalten aus, nicht vom malerischen.

Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts gehörte viel Mut und Selbstbewusstsein dazu, als Bildhauerin zu arbeiten. Die künstlerische Arbeit am Stein liebte Anna Henecka in besonderem Maße in ihrer langjährigen bildhauerischen Tätigkeit, in der sie gleichermaßen zahlreiche Bronzeplastiken mit starker Ausdruckskraft schuf.

1959 veröffentlichte ihr erster Mann, Helmut Hirsch, in der Reihe "Essays über Kunst und Künstler" den Band "Anna Henecka. Bildhauerin. Gedanken eines Rückwanderers zum Neomanierismus" im J.H. Born Verlag, Wuppertal - Elberfeld (22 Textseiten mit 16 ganzseitigen Illustrationen). Helmut Hirsch hatte Theaterwissenschaft, Zeitungswissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in München, Berlin, Bonn und Leipzig studiert. Als Mitglied des Jüdischen Wanderbundes "Blau-Weiß" war er gezwungen, 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, sein Studium abzubrechen und Deutschland zu verlassen. Zunächst flüchtete er ins damalige Saargebiet, dann nach Frankreich. Er arbeitete dort u.a. als Journalist unter dem Pseudonym H. Bichette. 1941 gelang ihm mit einem Notvisum die Überfahrt nach New York. An der University of Chicago beendete er seine Studien mit dem Ph.D. in Geschichte und Germanistik. Er gründete das Chicagoer Roosevelt College, aus dem die Roosevelt University hervorging. Helmut Hirsch lehrte dort von 1945 bis 1957 als Associate Professor Europäische Geschichte. Nach seiner Rückkehr aus Amerika, im Jahre 1957, lehrte er an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Düsseldorf. Von 1972 bis 1977 war er Honorarprofessor für Politikwissenschaft an der Gesamthochschule Duisburg.

Anna Henecka fand in Helmut Hirsch, der wie sie griechische Mythologie und Dichtkunst sowie in der ostasiatischen Kunst zu Hause war, ihren geliebten Partner. Viele Skulpturen von ihr, wie z.B. Sappho und Alkaios lassen ihre geistige Verbundenheit mit Dichtern und Denkern der Antike deutlich werden.

Die gemeinsame Zeit mit Helmut Hirsch ist gekennzeichnet durch lange Auslandsaufenthalte, in denen Anna Henecka ihre künstlerische Tätigkeit unbeirrt fortsetzte. Durch ihren Mann lernte sie in München Prinzessin Irmingard von Bayern (verstorben 2010) kennen, mit der sie eine enge lebenslange Freundschaft verband. Im Düsseldorfer Atelier von Anna Henecka befindet sich ein von ihr in Lebensgröße geschaffener ausdrucksstarker Bronzekopf der Prinzessin. Weiterhin sind dort zahlreiche Fotos aus ihrer gemeinsamen Zeit in Schloss Leutstetten zu sehen.

Paris wird vorübergehend zur zweiten Heimat von Anna Henecka. Regelmäßig finden dort auch Einkäufe für die Modegeschäfte der Familie Hirsch in Wuppertal statt.

1965 wird ihr gemeinsamer Sohn Marc Alexander in Düsseldorf geboren. Zwei Jahre lebt und arbeitet die Künstlerin in Italien (Verona). Ein mehrjähriger USA-Aufenthalt (Chicago, Los Angeles, Texas) folgt. Eine besonders fruchtbare Schaffensperionde erlebt die Künstlerin in England (Manchester). In dieser Zeit entstehen viele ihrer Bronzeskulpturen. In Ausstellungen finden ihre Arbeiten große Beachtung. Neben ihrer bildhauerischen Tätigkeit wendet sie sich auch dem Portätzeichnen zu. Dieses bildet einen besonderen Schwerpunkt ihres Aufenthaltes in Moskau in den achtziger Jahren.

Im Ausland nimmt Anna Henecka als Bildhauerin auch Lehrauftäge an der Universität Lancaster (1971/1973) und Texas (1975) wahr, zwischendurch in Deutschland an der Universität Siegen (1974).

Ihre städtische Atelierwohnung in der Golzheimer Künstlersiedlung in Düsseldorf hält sie auch während ihrer Auslandsaufenthalte aufrecht. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das Atelier des Düsseldorfer Malers Thomas Häfner, mit dem sie freundschaftlich bis zu seinem Tode (1985) eng verbunden bleibt. Seine von ihr geschaffene künstlerisch hochwertige Bronzebüste befindet sich heute im Düsseldorfer Stadtmuseum. Die Malerin Ilse Häfner-Mode, Mutter von Thomas Häfner, hat Anna Henecka mehrfach gemalt.

In zweiter Ehe war Anna Henecka mit Vladimier Gültzgoff verheiratet, der aus Russland kommend mit seiner Mutter erfolgreich eine Kunstgalerie in Wuppertal - Elberfeld führte.

Anna HeneckaAnna Henecka

 

 

Mit zunehmendem Alter der Künstlerin nimmt das Zeichnen und Malen einen immer größer werdenden Stellenwert ein. Unter Anderem entstehen großformatige aussagestarke Portraitdarstellungen. Die kunstvollen Rahmen ihrer Bilder sind von ihr selbst gefertigt. Helmut Hirsch's Untertitel "Gedanken eines Rückwanderers zum Neomanierismus" zu seiner Veröffentlichung "Anne Henecka" bringt zum Ausdruck, dass sich in ihrem bildhauerischen Werk Anknüpfung und Weiterentwicklung jener Kunst der zwanziger Jahre spiegelt, die von den Nazis brutal verboten wurde. Ihr Flachrelief "Erzengel Michael" aus Muschelkalk am Kriegerdenkmal in Rheydt (1954, 90x130 cm) z.B. erinnert an Matares St. Georg. Aber selbst dort, wo Elemente Indischer Kunst Aufnahme in ihren Skulpturen und Reliefs finden, bleibt die Künstlerin ihrem individuellen Gestaltungsstil treu. Aus ihrem Inneren heraus findet sie Esprit und Kraft, unabhängig von allen Strömungen des Kunstmarktes

Sie liebt in ihrer bildhauerischen Arbeit die Darstellung von Themen aus der antiken Mythologie und von Menschen in der heutigen Zeit. Ihre abstrakten Formgebungen im Spätwerk sind gewachsen und getragen von einem nie versiegendem Vorstellungsreichtum. Ihr künstlerisches Gesamtwerk ist innovativ und wegweisend.

 

 

 

 

 

 Anna Gültzgoff-Henecka, 28.03.2012, Foto: Stefan FuhrmannAnna Gültzgoff-Henecka, 28.03.2012, Foto: Stefan Fuhrmann

Am 31.08.2015 verstarb Anneliese Gültzgoff - Henneka im Altenzentrum der Diakonie in Düsseldorf Kaiserswerth.

 

Ditmar Schmetz