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Paul Rütti

Paul Rütti  (1912 – 1996)

 

Paul Rütti wurde am 7. Juni 1912 in der Schweiz im solothurnischen  Balsthal geboren. Kindheit und Jugend lebte und erlebte er in Basel. Sein Vater – von Beruf Eisendreher – erlitt schon sehr früh einen schweren Reitunfall und war nur noch eingeschränkt berufsfähig. Seine Mutter brachte die sechsköpfige Familie praktisch alleine durch den Lebensalltag. Beruflich war Rütti  als Werbe- und Public-Relations-Berater, schließlich als Verlagsleiter und Chefredakteur in Zürich tätig. Dem Multitalent Rütti  war jedoch die künstlerische Betätigung schon immer eine unverzichtbare Lebensnotwendigkeit – zunächst „nebenberuflich“, seit seinem sechzigsten Lebensjahr „hauptberuflich“. Auf dem Albis bei Zürich war er als Bildhauer,  als Glasbildner und als Maler tätig. Seine kreative Vielfältigkeit zeigt sich ebenso in den von ihm geschaffenen Eisenskulpturen und in seinen zahlreichen Holzschnitzereien. Regelmäßig fuhr er nach Italien, um sich u. a. von der dortigen Bildhauerkunst inspirieren zu lassen. Aus seinem bildhauerischen Werk sind heute in der Schweiz, in Deutschland, Brasilien, Schweden, Italien und auf Korsika Arbeiten von ihm zu finden.

 Skulpturen von Paul Rütti

Auf dem Albis pflegten nach dem 2. Weltkrieg  Paul Rütti und seine Frau Elisabeth, geb. Morand, die Malerin Ilse Häfner-Mode wieder gesund. Diese hatte als Jüdin in der Nazizeit Mal- und Berufsverbot und war am 19. September 1944 in das Zwangsarbeiterlager Elben (bei Kassel), einem Nebenlager Buchenwalds, deportiert worden. Aus Dankbarkeit malte Ilse Häfner-Mode ihre Schweizer Freunde auf einem riesigen Ölbild (195 x  360 cm). Mittig befindet sich Paul Rütti mit seiner Frau Elisabeth (genannt Chips), dargestellt als Tänzerin. Sie selbst stellt sich am oberen Bildrand sitzend im Ganzakt mit Pfeife und Palette dar. Von Paul Rütti und von seiner Frau Chips malt sie in dieser Zeit zwei weitere ausdruckstarke Aktdarstellungen (jeweils 53 x 130 cm). Die genannten Bilder befinden sich heute im Stadtmuseum Düsseldorf.

 

Paul Rütti war eng mit Ilse Häfner-Mode (gest. 15. 3. 1973)  und später mit Erna Häfner, Witwe von Thomas Häfner (gest. 30. 1. 1985), verbunden. Er finanzierte anlässlich der Kunstausstellung über Herbert Häfner, Ilse Häfner-Mode und Thomas Häfner im Düsseldorfer Stadtmuseum (6. 9.  – 1. 10. 1995) die beiden Monographien „Ilse Häfner-Mode“, Düsseldorf 1995 (131 S.) und „Thomas Häfner. Der Maler und Bildhauer“, ebenda (126 S.). Beide Bände sind jeweils als Werkverzeichnis von ihm konzipiert und teilweise geschrieben.  Ebenso vermachte er mit Erna Häfner dem Stadtmuseum Düsseldorf - unter der damaligen Leitung von Dr. Wieland Koenig - zahlreiche Häfner-Bilder und Häfner-Skulpturen. Ein sehr umfangreiches Konvolut an Briefen, Dokumenten, Notizen und Zeichnungen von und über Ilse Häfner-Mode und ihrem Sohn Thomas Häfner ließ Paul Rütti über seinen Freund Dr. Vincent C. Frank-Steiner (Basel) dem Exil-Archiv der Frankfurter Nationalbibliothek zukommen. Dort sind sie heute als wertvolles biographisches Quellenmaterial einsehbar. Eine von Rütti mit existentieller Tiefe gemalte Sequenz von neun Bildern zur Thematik „Die sieben Todsünden“ hinterließ er Frank-Steiner. Weiteres Quellenmaterial und zwei Bilder aus seinem Nachlass erhielt ich dankenswerterweise von Annelies Rütti, Nichte von Paul Rütti, die ich im Herbst 2010 in Horgen in der Schweiz befragen konnte. Ein von Ilse Häfner-Mode gemaltes eindrucksvolles Ölbild aus der Nachkriegszeit zeigt die Malerin mit Paul Rütti beschwingt im Tanz. Ein weiteres symbolträchtiges Aquarell von Thomas Häfner „Der Magier“ (gemalt um 1984) - sein letztes Bild – schätzte und liebte Rütti in besonderer Weise.

 

Als ich im November 1995, anlässlich des Todes von Erna Häfner, Paul Rütti noch einmal in Düsseldorf traf, verabschiedete er sich von mir mit den Worten „Wir werden uns nicht mehr wiedersehen“.  Paul Rütti hatte den Wunsch, sein Leben selbst zu beenden. In der Nacht vor seinem Tode im Mai 1996 schrieb er Briefe an Menschen, die ihm lieb und teuer waren. Vincent C. Frank gab mir die Worte des behandelnden Arztes wieder: „Ich habe noch nie einen so friedlich lächelnden  Menschen im Tode gesehen.“ Paul Rütti war ganz und gar  Selfmademan. Dieses gilt für seinen beruflichen Werdegang im Public-Relation-Bereich und im Verlagswesen ebenso wie für seinen künstlerischen Tätigkeitsbereich. Die Technik eines Graveurs z. B. brachte er sich selbst noch im Alter von über siebzig Jahren bei. Nichts charakterisiert den Menschen Paul Rütti besser als die Erschaffung seiner spaßig-urigen übergroßen Feldschrattköpfe aus Eisen, Holz, Fell und Glas.                

                                                                                                                        

                                                                                                                            Ditmar Schmetz