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Thomas Häfner                                                                       Das Leben von Thomas Häfner

1928 - 1985

 

Thomas Häfner wurde am 24. Dezember 1928 in Berlin geboren. Seine Mutter, die Malerin Ilse Häfner-Mode, wurde auch am Weihnachtsabend im Jahre 1902 in Kempen (Bezirk Posen) geboren.

Ihren Mann, den Maler Herbert Häfner, hatte sie an der Hochschule für Bildende Künste am Steinplatz in Berlin kennen gelernt. Beide studierten seit 1922/ 1923 an der dortigen Hochschule. Sie heirateten am 29. März 1928 im Standesamt Berlin-Wilmersdorf.

 

Herbert Häfner, Bewunderer von Hans von Marees, galt bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als herausragender Maler.

 

Thomas Häfner erlebte bei seinen Eltern eine glückliche Kindheit. Die Welt der Farben verzauberte ihn. Mit sechs Jahren illustrierte er Märchen aus "Tausend und einer Nacht" in großer Schönheit (1).

 

Das Jahr 1933 wird durch die Machtergreifung der Nazis zu einem unheilvollen Schicksalsjahr, auch für die Künstlerfamilie Häfner.  Ilse Häfner-Mode, deren Lebensdaten als Mitglied im Verein Berliner Künstlerinnen vorlagen, erhielt als Jüdin umgehend Ausstellungs- und Malverbot. Ihr Mann Herbert wurde 1937 vom Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste aus sämtlichen Berufsorganisationen ausgeschlossen, da er sich beharrlich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Ihr Sohn Thomas wurde in der Schule als "Judensau" beschimpft.

Die Eltern erkannten, dass ein Leben ihres Sohnes in Deutschland so nicht mehr möglich war. Er wurde mit Hilfe von Heinz Mode, dem Bruder von Ilse, außer Landes gebracht. Heinz Mode, zehn Jahre jünger als Ilse, hatte schon früh an der Universität zu Berlin mit finanzieller Unterstützung seines Vaters ein Studium für Archäologie mit dem Schwerpunkt Indien aufgenommen. Mehrere Jahre studierte er in Colombo (Ceylon / Sri Lanka). Dort lernte er den deutschen Konsul Wilhelm von Pochhammer kennen. Von Pochhammer trug in den Pass seines Freundes anstatt "Berlin" Colombo als ständigen Wohnsitz ein. Damit galt Heinz Mode als "Auslandsdeutscher" und war als Jude gegenüber den Nazis zunächst geschützt.

 

1938 fuhr Thomas Häfner im Alter von neun Jahren mit dem Zug von Berlin nach Basel. An der Baseler Universität hatte inzwischen Ilses Bruder seine Archäologie- Studien fortgesetzt. Heinz Mode brachte seinen Neffen Thomas von Basel zu seinem indischen Freund Prof. Dr. Lydowik nach Marseille. Dieser fuhr mit Thomas auf dem französischen Schiff "President Dummer" nach Ceylon. Dort konnte Thomas bis zum Kriegsende in Jaffna eine englischsprachige Schule mit einem angeschlossenem Internat besuchen.

 

Ilse Häfner-Mode hatte ihrem Sohn Thomas vor seiner Abfahrt nach Ceylon versprochen, nachzukommen. Ihre Schweizer Kunstfreunde verkauften ihre Bilder, um die hohen Kosten für die Überfahrt nach Ceylon für Ilse aufzubringen. Die notwendigen Reiseunterlagen erreichten sie aber erst kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als die Grenzen schon geschlossen waren. Ihr Sohn Thomas fühlte sich weggeschickt. Die Trennung von seiner Mutter in jungen Jahren, weit und viele Jahre von seiner Heimat entfernt, war für ihn ein Trauma, das ihn sein Leben lang belasten sollte.

 

In der Internatsschule in Jaffna erhielt er ein umfangreiches Bildungsangebot, wie seine zahlreichen Briefe aus jener Zeit an seine Eltern verdeutlichen (2). Sie dokumentieren insbesondere eine innige Liebe und Bindung an seine Mutter.

 

Als schnell lernender Schüler konnte er eine Klasse überspringen und ein vorgezogenes Abitur ablegen. Er arbeitete danach als Stenotypist in der Presseagentur Reuter. Anschließend fand er in der Werbeabteilung einer Zeitung eine Anstellung.

 

Besonders faszinierend auf Ceylon war für ihn die Welt der exotischen Fische und Reptilien sowie die Welt des Dschungel. Dies spielte in seiner späteren Malerei eine große Rolle. Aber auch die Begegnung mit dem Gedankengut des Hinduismus wie des Buddismus prägten sein Denken bereits in frühen Jahren.

 

Seiner Mutter zuliebe kehrte Thomas 1948 nach Deutschland zurück. Inzwischen hatten sich seine Eltern im Jahre 1946 - also erst nach der Nazizeit - im gegenseitigen Einvernehmen scheiden lassen. Zu seiner Mutter, die ihren Aufenthalt im Konzentrationslager Elben - einem Nebenlager Buchenwalds - überlebt hatte, wie auch zu seinem Vater hielt er engen Kontakt.

 

Herbert Häfner starb bereits 1954 im Alter von 50 Jahren an einer Herzkrankheit. Ilse Häfner-Mode sollte noch bis zu ihrem 71. Lebensjahr als Malerin tätig sein können. Sie lebte und malte nach dem Krieg bis 1955 in Leopoldshöhe (Bielefeld) und bis zu ihrem Tode 1973 in Düsseldorf.

 

 Thomas Häfner mit seiner Mutter und seiner FrauThomas Häfner mit seiner Mutter und seiner Frau

 

Im Jahre 1949 bestand Thomas Häfner die Aufnahmeprüfung an der Kunstakadenie in Düsseldorf. In der damaligen Kunstmetropole studierte er in der Malklasse von Theo Champion und nach dessen Tod im Jahre 1952 als Meisterschüler in der Klasse von Otto Pankok. Schon als Kunststudent liebte er es, seine Bilder wie Bosch oder Brueghel in der szenischen Gestaltung mit zahlreichen Menschen zu füllen. In der Kunstakademie lernte er die Maler Günther Cremers und Hannelore Köhler kennen, mit denen er die Künstlergruppe "Junge Realisten" gründete. Diese Künstergruppierung wandte sich mit zahlreichen Ausstellungen in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen einen einseitigen Primat der abstrakten Malerei insbesondere in der Düsseldorfer Kunstszene.

 

In Düsseldorf arbeitete Thomas Häfner nach seinem Kunststudium als freischaffender Künstler sehr erfolgreich. Anfangs illustrierte er - unverkennbar in seiner geistreichen und witzigen Art - auch Programmzeichtschriften und Betriebszeitungen, um Geld zu verdienen: so für das auf der Graf -Adolf-Straße gelegene Kabarett "Palladium", für die Mitarbeiter der Firma Peek & Cloppenburg die Betriebszeitung "Der Scheinwerfer", für die Düsseldorfer Henkelwerke "Blätter vom Hause".

 

In seiner Illustration in dem Buch von Arthur Cohn "Israel - Wie es lebt und lacht" (Jerusalem 1963) erweist sich Thomas Häfner als Meister der Ironie und des Humors. In seinen Porträtdarstellungen kommen ihm seine ausgeprägte Beobachtungsgabe und sein photographisches Gedächtnis in trefflicher Weise zugute: z.B. in den Bildnissen "Meine Mutter" (1951), "Hannelore Köhler" (1954), "Rose Cohn" (1957), in dem großformatigen Bild von seiner Frau Mouche (1960).

 

 

Der ceylonesische Dschungel, der ihn bereits während seines 10jährigen Aufenthaltes in Jaffna inspiriert hat, ist in vielen seiner dem phantastischen Realismus zugeneigenden Bildschöpfungen Symbol für Geheimnisvilles, für menschliche Verstrickungen und Irrwege. Es ist "der Blick hinter die Maske" mit dem der Düsseldorfer Journalist Alfred Müller-Gast in den 60ger Jahren des letzten Jahrhunderts das künstlerische Werk des Thomas Häfner charakterisiert. Häfner enthüllt das Maskenspiel der Menschen, macht das Unbewusste sichtbar, öffnet in seinen Bildern den Theatervorhang für Liebe und Hass, Schönheit und Hässlichkeit, Sehnsüchte und Ängste, Leben und Vergänglichkeit. Sexualität als treibende und erhaltende Lebenskraft, Erotik wie Autoerotik und zugleich die Maske des Todes sind in seinem Werk thematisiert. Im Gegensatz zu den Bildnissen seiner Mutter, die die liebenswerte Seite des Menschen zur Darstellung bringt (3) finden bei ihrem Sohn auch das Böse und Dämonische ihre Thematisierung. Stolz reckt Luzifer in seiner Grausamkeit und zugleich auch in gemalter Schönheit sein Haupt. Er erscheint später auf dem Cover des in englischer Sprache geschriebenen Taschenbuches "Moravagine" von Blaise Cendrars (Harmondsdorth 1979), zuvor in der japanischen Kunstzeitschrift "Mizue" (Mai 1969), in der englischsprachigen "art and artist" (August 1970). Häfner wird als "painter of drems", der seine Bilder aus der Tiefe des Unbewußten wie im Traume malt, in den Leitartikeln dieser Zeitschriften diskutiert. Von den häufig von ihm gemalten Motiven griechischer Mythologie nimmt in seinem Werk die Welt des Minotaurus einen besonderen Stellenwert ein. Damals wie heute bewegt sich der Mensch im Labyrinth des Lebens und irrt in seinen existentiellen Nöten suchend umher.

 

Seine Warnungen vor inhumanen Entwicklungen in der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg finden in vielen seiner Bilder eindringlichen Ausdruck. 1956 bis 1958 malt er sein großes Triptychon "Apokalypse". Der linke Seitenflügel (200 x 100 cm) zeigt die "Apokaliptischen Reiter", die die Menschheitsplagen Krieg, Tod, Pest und Hunger vor Augen führen. Wie Marionetten werden sie von unsichtbaren Mächten dirigiert. Der rechte Seitenflügel zeigt die "Hure von Babylon". Sie residiert auf einem Turm dämonischer Masken. Sie stehen für Stolz, Geiz, Neid, Zorn, Trägheit, Unmäßigkeit, Unkeuschheit. Der Mittelteil des Triptychons "Hiroschima" wurde vom Künstler in einem Anfall von Verzweiflung zerstört. In weiteren großformatigen Gemälden wie z. B. "Das goldene Zeitalter" (1959), das Triptychon "Ameisenstaat - Keepsmiling - Liebespaar mit Raketen" (1961) , "Der Tanz ums goldene Schwein" (1962), "Karneval im Labyrinth", (1965 - 1967) zeigt sich Thomas Häfner als schonungsloser Gesellschaftskritiker und Visionär im Hinblick auf bedrohliche Entwicklungen für Autonomie und friedliches Zusammenleben der Menschen. Seine "Kreuzigung" aus dem Jahre 1958 zählt sicherlich zu den eindrucksvollsten Darstellungen des Künstlers.

 AtelierAtelier

In vielen seiner großformatigen Gemälde wählt Häfner gerne als Kulisse und Bildbestandteil eine offen gehaltene Großstadt-Architektur, die sich hervorragend dazu eignet, den Reigen seiner gemalten Menschen im Gesellschafts-Panorama darzustellen. Diese Bilder sind zumeist in aufwendiger Lasiertechnik erstellt: z.B. "Prozession" (1966) (4), "Astronauten steigen lassen" (1968), "Verfallende Idole" (1970), "Suche nach einem Blauen Vogel" (1971), "Versinkende Stadt" (1971), "Triumph der Trägheit" (1972), Menschen in der Stadt" (1973) (5), " Clowns in der Stadt" (1977), "Tod der blauen Vögel" (oF.) (6).

 

In seinem Bild "Zeitreise einer alten Dame" (1974) verarbeitet Thomas Häfner den Tod seiner Mutter, die im März 1973 gestorben war. Der Lebenslauf in der "Zeitreise einer alten Dame" ist in eine Baumlandschaft integriert. Das Geäst des Labyrinths umrankt ihr würdevoll schauendes Haupt. Ihre jugendliche Schönheit , ihre große Liebe und Hochzeit, die Geburt ihres Kindes bis hin zum Alter und zur Vergänglichkeit sind wie in einem "memento mori" in großer Anschaulichkeit zum Ausdruck gebracht.

 

Thomas Häfner zeigt auch in seiner Aquarellmalerei eine große Könnerschaft. In den 60er Jahren hat er hier eine besonders produktive Phase. Seine surrealistischen Darstellungen wirken im Fluss der Aquarellfarben zarter und leuchtender in der Farbgebung als seine in Öl gemalten Bilder. Die sprechen wie in seinen Gemälden existentielle Fragestellungen im menschlichen Leben an: so z.B. seine Trilogie "Das siebenköpfige Tier verkündet Lebensfreude", "Lob und Grenzen der Krankenschwester", "Totentafel" (1965/66), weiterhin "Engel und Kardinal" (1964) oder "Der Inquisitor oder wie man den Teufel erkennt" (1964) (7).

 

Thomas Häfner hinterlässt über seine gemalten Bilder hinaus ein umfangreiches zeichnerisches und druckgraphisches Werk - so z.B. seinen bekannten Zyklus "Die sieben Todsünden (ca 1960). Auch in seinen Zeichnungen wie in seinen druckgraphischen Werken bleibt er in seiner künstlerischen Ausrichtung einem phantastischen Realismus treu.

 

Dieses gilt ebenso für seine zahlreichen Plastiken, die er mit der von ihm gefundenen Substanz Silfos - ein Silber-Kupfer-Phosphor-Lot - seiner künstlerischen Intention entsprechend gestalten kann. Themen seiner Bilderwelt überträgt er ins Dreidimensionale: z.B. in den Kleinplastiken der Kopf des Luzifer, des Minotaurus; in den Großplastiken "Die Kardinäle", "Madonna mit Kind", "Die Daphne".

 

Thomas Häfner, der in seinen Bildern und Skulpturen häufig den surrealistischen Künstlern zugerechnet wird, war viel zu sehr Individualist, um sich irgendeiner Kunstrichtung oder einem -ismus zuordenen zu lassen. Ebenso lehnte er es wie seine Mutter ab, sich in der Kunstszene vermarkten zu lassen. In sein Kunstschaffen ist die exotische Welt Ceylons integriert. Seine Kindheitsgeschichte ist mit Nazideutschland eng verwoben und hat tiefe Spuren in seiner Persönlichkeit hinterlassen. Seine Bilder lassen u.a. Gefühle wie Angst und Zorn, aber auch eine tiefe Todessehnsucht deutlich werden. Mit seiner inneren Zerrissenheit findet er Zuflucht in einer Malwelt, in der Traum und Wirklichkeit ineinander fließen.

 

Er ist mit seinen Bildern auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten (8). Im Dezember 1981 erleidet er einen schweren Herzinfakt. Sein stetig sich verschlechternder Gesundheitszustand lässt ein künstlerisches Arbeiten nur noch begrenzt zu. Sein Aquarell "Der Magier" ist sein letztes Bild. In der Darstellung des Magiers spiegelt Häfner sein Ego mit großer Selbstironie. In seiner linken Hand hält der Magier bezeichnenderweise eine Flasche Absinth, die ein Paradiesvogel mit weiblichen Brüsten wohl vergeblich versucht, sie ihm mit den Krallen zu entreißen (9). Gezeichnet von schweren gesundheitlichen Problemen beendet Thomas Häfner - Genie und ein großer Künstler - in der Nacht zum 30. Januar 1985 in seinem Atelier selbst sein Leben.

 

 

Anmerkungen

    (1) Paul Rütti in: Freundeskreis Stadtmuseum Düsseldorf e.V. (Hrsg.): Thomas Häfner. Der Maler und Bildhauer, Düsseldorf 1995, S. 8

    (2) Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main

    (3) In Ilse Häfner-Mode, Ausstellung vom 14. Januar bis zum 12. Februar 1961, Städtische Galerie Schloss Oberhausen, Biographischer Text   zur         Ausstellung

    (4) Beschreibung dieses Bildes in Ditmar Schmetz: Thomas Häfner (1928 - 1985) - "Der Blick hinter die Maske". In: Christian Walda (Hrsg.):   Ilse Häfner-Mode, Bilder im Lebens- und Liebesreigen. Schleswig 2013, S. 133

    (5) Beschreibung dieses Bildes in: ebenda, S. 134 l.

    (6) Beschreibung dieses Bildes in: ebenda, S. 136

    (7) Beschreibung dieses Bildes in: ebenda, S. 137

    (8) Ausstellungsverzeichnis in: Freundeskreis Stadtmuseum Düsseldorf e.V. (Hrsg.): Thomas Häfner. Der Maler und Bildhauer. Düsseldorf 1995, S. 25

    (9) Beschreibung dieses Bildes in: siehe Anmerkung 4, S. 138

         Fotos dieses Artikels: Erich und Horst Vetter

 

 

 

Ditmar Schmetz