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Thomas Häfner                                                                                   Der Mensch

1928 - 1985   

 

 

Gespräch zwischen Erich Vetter

(1910 Eilenburg bei Leipzig – 1991 Düsseldorf)

und

Krysztof Rominski

letzte bekannte Anschrift: Balamatik 17A, Polen PL 76-270 Ustka

 

über

 

Thomas Häfner

Künstler

Gemälde, Plastiken, Radierungen, Aquarelle, Zeichnungen, Wischkreide

1928 Berlin – 1985 Düsseldorf

 

Dieses Gespräch wurde vermutlich 1986 in Meerbusch geführt.

 

Horst Vetter,  horst.vetter@gmx.net

Dieser Tonbandmitschnitt stammt aus dem Erbe meines Vaters. Das Protokoll habe ich angefertigt.

____________________________

 

 

 

Herr Rominski: Wie beurteilen Sie die Stellung von Thomas Häfner im Vergleich zu zeitgenössischen Künstlern in Deutschland und Europa?

 

Erich Vetter: Ich meine, er lässt sich überhaupt nicht irgendwo einordnen. Höchstens in die ganz große Gruppe „Phantastischer Realismus“.

 

Die Berufung auf Bosch und Brueghel; das ist die einzige, die hilft, das sind die beiden Meister; das sind ja Renaissance – Künstler; man kann durchaus sagen: künstlerisch ist jeder Meister auf Leonardo da Vinci oder Raphael berufen; das wäre ja kein Problem.

 

Sicher, aber ist Raphael „phantastisch“. Er hat natürlich Phantasie entwickelt in seinen Bildern.

 

Ich meinte nicht in dem Sinne, sondern Thomas Häfner kann man nicht in eine Schule, in eine ganz spezielle Richtung einordnen; so wie man sagt: der kommt aus dem Tachismus, der kommt aus dem echten Surrealismus; wie auch immer

 

Den Eindruck habe ich auch. Aber ich meine, er gehört doch zum „Phantastischen Realismus“.

 

Das ist absolut richtig. Es ist deshalb so schwierig mit ihm und auch das Feststellen von seinem Stellenwert in der Düsseldorfer Kunst, in der Deutschen Kunst und somit auch in der Europäischen Kunst, weil er eben eine Einzelpersönlichkeit war.

 

Er war vor allem eine sehr starke Persönlichkeit und eine „Eigen – phantastische – Persönlichkeit. Ich habe ihn ja nachts erlebt. Wenn man dann so in seinem Atelier saß, dann war man gar nicht mehr da. Wenn der Thomas dann eine gewisse Menge Alkohol intus hatte. Er war auch ein „Machtmensch“ (davon hat ja auch Frau Häfner erzählt). Wenn es so 12 – 1 Uhr in der Nacht wurde und man saß bei Kerzenschein im kleinen Kreis (es musste ein kleiner Kreis sein und der richtige Tag), dann … kam die vierte Dimension, wenn ich das mal so sagen darf; da wurde Unwirklichkeit Wirklichkeit. Er hatte phantastische Gedanken die alle ein großes philosophisches Wissen auch aus seiner Zeit in Ceylon zeigten. Dieses dschungelhafte, webende, was nicht Wirklichkeit ist, was man aber auch als Wirklichkeit empfinden kann, machte er nachts zur Wirklichkeit.

 

Wenn man sich dem hingab, was Thomas erzählte, dann war man nicht mehr in der hiesigen Welt. Dann war man ganz wo anders.

 

Was hat er denn erzählt?

 

Ich kann das im Einzelnen nicht mehr sagen. Ich hätte es manchmal aufnehmen sollen. Er entwickelte Gedanken und Zusammenhänge, die sponnen sich zwischen Wirklichkeit und Vorstellungen und Phantasmen und Träumen. Das war ein Gewebe, ein Gespinst, was er dann nachts webte. Seine Gedanken aus der fernöstlichen Welt und eigenkritische Gedanken erinnerten mich an das Werk von Heinrich Heine. Heine hat eine wunderbare Welt beschrieben und leider kommt dann immer noch „so eins drauf“ Thomas ist kein Heine gewesen, aber wenn man ihm lauschte, dann ritt ihn der „kleine Belzebub“ und er setzte einen drauf und er lachte schallend heraus. Er hatte eine bestimmte Art zu lachen, das lachen ging über sein ganzes Gesicht.

 

Wenn man sich dann gegen 2, 3 Uhr verabschiedete, dann musste man sich erst einen Stoß geben, dass man sich in das „reale“ Auto setzten konnte und fahren konnte. So hat er einen verzaubert mit seinen Worten – Er war ein Zauberer der Worte und der Gedanken.

 

Was hat er denn eigentlich erzählt?

 

Schauen Sie seine Bilder an!

 

Was hat er denn gesagt? Seine anderen Freunde haben erzählt, dass er Tagesträume gehabt hat.

 

Ja.

 

Er habe Tagesträume gehabt und in diesen Tagesträumen gelebt.

 

Ja; und die kamen dann ganz intensiv nachts zum Vorschein. Diese gab er nachts von sich. Schauen Sie sich doch einmal das Bild an. Das ist der Traum, das ist die Trägheit aus den sieben Todsünden. Da sind ja so viele Ideen und Vorstellungen drin. Wenn man so ein Bild länger ansieht, dann ist man auch in dieser Welt drin. Ich empfinde das besonders bei diesem Bild und bei der Walpurgisnacht. Das ist etwas Unwirkliches. Da wird immer davon gesprochen, dass es Kindermärchen sind.

 

Nachts war Thomas ein Zauberer. Er konnte einen mit seinen Gedanken und mit seiner Art bei Kerzenlicht verzaubern.

 

War das in seinem Atelier in der Franz Jürgen Straße?

 

Ja. In der Ulmenstraße war es noch nicht so ausgeprägt.

 

Also bis zur Trennung mit Wulf.

 

Nein die waren noch zusammen. Musch war dabei. Er hatte das Geschäft „die Sphinx“ noch nicht.

 

Dieses Geschäft haben sie nach Ilses Tod eingerichtet. Ilse ist 1973 gestorben.

 

Da haben sie am Speeschen  Graben gewohnt.

 

Vor ihrem Tod war Ilse krank. Sie hatte einen kleinen Schlaganfall nach dem nächsten. Da hat sich die Musch ganz rührend um die Ilse gekümmert. Zu diesem Zeitpunkt lebten sie noch in der Franz Jürgen Straße 12.  Thomas hatte das Geschäft (die Sphinx) eingerichtet, um die Musch zu versorgen.

 

Es geht einfach um die Zeit zwischen 1954 bis 1973, die ich etwas genauer erforschen möchte. Über die frühe Zeit von Thomas habe ich schon geschrieben.

 

Ich habe einen Vorschlag: wollen wir erst das hier zu Ende machen. Wenn ich nachher die Fotos zeige, kommen mir auch noch Gedanken.

 

(Er blättert in Unterlagen) und sagt: hier ist eine schöne Sache. Das ist vom „Mittag“. Da hat Friedrich . . . Das ist eine Osterausgabe. Da hat der Reporter gesagt: Ich möchte ein besonderes Blatt raus bringen. Gestalte bitte das Blatt. Da musste der Zar drauf sein. Er wusste aber nicht, wie eine Zarenkrone aussieht. Thomas fragte mich: Erich, weist Du nicht, wie eine Zarenkrone aussieht? Ich konnte ihm nicht helfen. Aber Thomas hat die Zarenkrone richtig gestaltet.

 

Irgendwo hat er sich sicher informiert.

 

Er hat sich die russische Welt  zur Zarenzeit vorgestellt. Sofern ich das weis, hat er sich nicht objektiv über das tatsächliche Aussehen einer Zarenkrone informiert.

 

Das ist vielleicht richtig. Den Menschen neben dem Zar (drei Stück) hat Thomas einen Schnurrbart verpasst, den die Offiziere von Peter dem Großen getragen haben.

 

Das zeigt auch wieder eine Fähigkeit von Thomas.

 

Er hat für den „Mittag“ viel gezeichnet.

 

Ja hin und wieder. Seine Freunde wollten ja auch, dass er ein Einkommen hatte; der Friedrich und der Müller Gast gehörten dazu.

 

(Sie blättern in Bildern – vermutlich in Fotografien von Erich Vetter)

 

Ist das Frankreich, ach Moment mal, ist das nicht von der Türe (?) -

Gesellschaft gewesen?

 

Wie war das mit dem Titel?

 

Vorläufig junges Mädchen die Aussicht nicht genießend.

 

Ist es ein zusammenhängender Titel?

 

Ja, das ist ein Titel für ein Aquarell. Und diesen Titel konnte nur Thomas erschaffen.

 

Ja.

 

Das ist ganz spezifisch für seinen schwarzen Humor.

 

Es ist ein Schalk.

 

Ja, ich kenne so einen Titel überhaupt nicht aus der Kunstgeschichte. So einen Titel, der schon eine Geschichte ist.

 

Ja, eine Geschichte, die mit einem Satz erzählt wird. Er konnte stundenlang träumen, aber er konnte auch präzise mit einem Satz eine Geschichte erzählen.

 

Also ich hätte gerne aus diesem Katalog . . .

 

Also ich fragte Sie vorhin: Wie kommt er zu der Behauptung: noch junges Mädchen.

 

Vorläufig, vorläufig junges Mädchen.

 

Das ist ja noch makaberer.

 

Ich glaube, dass sein Schicksal Thomas so geprägt hat. Er sah die Welt als Kind mit den Augen eines Erwachsenen. Schon als Kind. Als 10 Jähriger musste er Deutschland verlassen und er war von seiner Familie und besonders von seiner Mutter getrennt. Schon als Kind musste er erleben, wie alles zusammenbricht. Das heißt, schon als Kind, also in einem Alter, wo man überhaupt keine Beziehung dazu hat, hat er schon die Perspektive auf das Ende des menschlichen Lebens gehabt. Er hatte einen allumfassenden Blick. Er sah das menschliche Leben von Anfang bis Ende.

 

Nur so kann ich mir erklären, dass ein 40 jähriger Künstler sagt: vorläufig junges Mädchen. Aber sie wird auch alt und sie stirbt. Sie will nicht diese Aussichten. Das, was sie liebt ist das Leben.

 

Ich möchte jetzt an dem anknüpfen, was Sie gesagt haben. Als 10 jähriger ist Thomas aus Deutschland weggegangen. Er ist nach Ceylon gekommen. Wie ich aus manchen Erzählungen von ihm entnahm, müssen die Freunde (der englische Professor), die ihn mitgenommen haben, so halb im Dschungel gelebt haben. Das Haus stand im Dschungel oder nahe des Dschungels. Dieser Professor, der ein großes Wissen über Shakespears Werk hatte, wird sicher auch mit Thomas über die Vergänglichkeit gesprochen haben. Thomas war schon als Kind sehr aufgeweckt.

 

Er sagte schon als junger Mensch: Die Welt ist vergänglich. Das zeigt ja auch die Grafik „Der aufgehende Mond“. In dem Bild hat er diese Betonbauten hingestellt. Er sagte: Da ist schon der Clown drüber. Der Clown war für ihn ein Zeichen für die Vergänglichkeit.

 

Wir haben ja so eine perfekte Welt, aber im Dschungel habe ich gesehen, das sich die Natur dagegen durchsetzt. Sie ist stärker als die Zivilisation. Er hat es erlebt, dass ein Haus zu Grunde ging, weil ein Baum von unten durch ein Haus wuchs.

 

Vielleicht hat ihn dieses Erlebnis dazu bewogen, das Werk „Der aufgehende Mond“ zu schaffen. Dieses Bild und die Walpurgisnacht schätze ich als seine herausragenden Werke ein. Hier zeigt sich eine große Menschlichkeit und eine tiefe Traurigkeit, auch dass das Ende kommt. Die Radierung ist ein Symbol dafür, dass alles was der Mensch geschaffen hat, zu Grunde gehen wird. Dies deutete er in einem Gespräch mit mir an.

 

Ansonsten hat Thomas Häfner wenig über seine Bilder gesprochen. Es hat gesagt: seht euch die Bilder an.

 

Es sind ja die Vorstellungen der Architekten, dass die Betonbauten für die Ewigkeit gebaut werden. Er sagte: auch diese Bauten werden vergehen.

 

Ich arbeite an der Biografie und ich muss Stück für Stück das Bild aufbauen. Ich sammle hier eine Information und da eine Information. Ich bedauere sehr, dass ich Thomas Häfner nicht persönlich kennen gelernt habe.

 

1981 bin ich nach Düsseldorf gekommen und Thomas Häfner ist 1985 gestorben. Ich hätte ihn 4 Jahre zuvor kennen lernen können.

 

Vielleicht gelingt es mir anhand der Fotos, die ich gemacht habe, noch etwas aus meinen Erinnerung herbeizuholen.

 

Ich habe hier noch einige Bilder aus der Zeitschrift „Art“. Diese sind in englischer Sprache beschriftet. Das ist ein hervorragendes Manuskript von Herrn Friedrich. Ich werde ihn Fragen ob ich Ausschnitte in das Buch aufnehmen darf.

 

Hier habe ich noch einen Text, den Thomas Häfner selbst geschrieben hat. Das ist die einzige Aussage von ihm. Ich kann Ihnen eine Fotokopie davon machen.

 

Hier habe ich noch einen recht frühen Artikel (Musch Häfner hat mir diese drei Blätter gegeben). Ich habe aber keine Ahnung, ob das frühe „Düsseldorfer Hefte“ waren. Diese Reklame erinnert mich sehr stark an frühe „Düsseldorfer Hefte“.

 

Das kann sein.

 

Kann es der verlorene Ghostrighter Harmann sein.

 

Ja.

 

Der Harmann hat einfach wörtlich erzählt, er war kein Künstler. Er wusste aber, wie man solche Texte schreibt.

 

Herr Harmann wusste auch wie der „Der verlorene Guss“ gemacht wird.

 

Wachs wird weich gemacht und wenn er daran manipulierte, konnte er mit seiner Körperwärme lange dran arbeiten.

 

Der verlorene Guss heißt deshalb so, weil es nur einen Abguss davon gibt.

 

Das ist ja in Schamott gegossen worden. Dann hat er den Schamott erwärmt, der Wachs lief aus. Nun hatte er die Hohlform und die ist ausgegossen worden.

 

Um den fertigen Guss herauszunehmen, muss man die Form kaputt schlagen. Es gibt nur einen einzigen Abguss.

 

Da es nur einen Guss gibt, muss man besonders sorgfältig arbeiten.

 

Was ist der Unterschied zwischen Faschismus und Moralismus.

 

Ich muss Sie bitten, mir diese Frage zu erläutern.

 

Faschismus stellt die Scheiße her und der Moralismus stellt die Scheiße dar.

 

(beide lachen)

 

Das ist gut.

 

Das ist der Satz von Tommi.

 

Herrlich, das könnte in die Kunstgeschichte eingehen.

 

Das sagt schon alles.

 

Er verstand es, mit wenigen Worten viel zu sagen.

 

Und brachte die Sache auf den Punkt. Ich staune immer wieder weil ich solche Sätze immer wieder entdecke: "Da ein Satz - da ein Satz von seinen Freunden."

Da sie so auf den Punkt gebracht sind, erinnern sich die Leute noch zwanzig Jahre später daran.

 

Wie war es eigentlich mit seinem Bekanntenkreis? Thomas stand immer im Mittelpunkt. Es gab so etwas, wie einen harten Kern. Aus wie viel Personen bestand der eigentlich? Oder haben die Personen von Zeit zu Zeit gewechselt?

 

An sich war der Freundeskreis relativ konstant. Man muss aber bedenken, dass der eine oder andere beruflich stärker beansprucht war, um regelmäßig dorthin zu kommen. Der harte Kern hatte keine harte Begrenzung. Ich kam später dazu. Herr Vontin hat ihn (Thomas Häfner) durch mich kennen gelernt. Mit Herrn Vontin war ich ja photographisch verbunden.

 

Ich war ja früher der Vorsitzende der „Photographischen Gesellschaft, Düsseldorf“. Zu der Zeit, als die Photographie aufkam (mit Plattenkameras), da war die Photographie, abgesehen von den Berufsphotographen, ein Metier für Studienräte, Ingenieure, Professoren und so weiter, die so genannte „gehobene Klasse“. Dies ist vergleichbar wie im Sport der Golf. Ich bin mit ca. 25 Jahren zur „Photographischen Gesellschaft, Düsseldorf“ gekommen. Man musste immer gut gekleidet kommen. Krawatte war Pflicht.

 

Ach !

 

Ja sicher.

 

Nach dem 2. Weltkrieg kam ich aus der Gefangenschaft zurück. Man suchte wieder Kontakte.

 

Der Herr Dr. Schubert wohnte am Schillerplatz und ich habe mich so auf ein Wiedersehen gefreut. Die Mitglieder waren zum großen Teil älter, sodass sie nicht mehr zum Wehrdienst eingezogen wurden. Die meisten Mitglieder von vor dem Krieg waren noch da. Nachdem ich dann wieder beigetreten war, wurde ich Vorsitzender. Dies ist in die Zeit gefallen, in der die Jugend begann, sich von der alten Konvention zu befreien. Eines Tages erschien eine Gruppe von Gymnasiasten.

 

Mit Kameras.

 

Ja, mit Kameras. Darunter war auch Hans Horst Baumann. Die kamen nun zur „Photographischen Gesellschaft, Düsseldorf“ und rebellierten gegen die Schlips – Photographie und die kamen im Parker, stellen Sie sich vor; was das für ein Bruch war.

 

Sie leisteten sofort etwas. Sie brachten eine lebendige Photographie mit (zum Beispiel: Schmidt, Baumann und Vontin).

 

Ich hatte mein Ohr an der Mitgliedschaft. Ich dachte es wäre so schade, wenn das verloren ging. Um sie zu halten habe ich dann eine Jugendgruppe gebildet. Sie wollten aber mehr als eine Jugendgruppe. Sie wollten dann einen eigenen Club haben.

 

In der „alten Brücke“ (wo jetzt das Carsch Haus ist) war eine Veranstaltung mit Frau Lieselotte Strehlow (sie hat viele Photographien mit Gründgens (damals – 1955 bis 1963 - Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses). Es war ein photographisches Thema. Die jungen Photographen schütteten bei Frau Strehlow ihren Kummer über den Leiter Vetter aus. Sie sagten, Herr Vetter, jetzt haben sie „A“ gesagt, jetzt müssen sie auch „B“ sagen. Wir müssen alle aus der „Photographischen Gesellschaft“ austreten und sie auch. Frau Strehlow unterstützte die jungen Photographen darin. Es war für mich schwer. Ich war mit der „Photographischen Gesellschaft“ schon vor dem Krieg verwachsen.

 

Dann haben wir den „Düsseldorfer Foto Club (dfc)“ gegründet. Wir haben uns sehr strenge Aufnahmekriterien gesetzt. Man musste sich bewerben, wenn man Mitglied werden wollte. Dazu musste man 15 Fotos vorlegen. Wir hatten hohe Ansprüche an die Qualität. Das hatte zur Folge, dass wir nie über die Mitgliederzahl von 12 hinauskamen.

 

Wir waren in kurzer Zeit durch internationale Ausstellungen weltbekannt. 

 

Nun wollen wir uns wieder Thomas Häfner zuwenden.

 

Ich möchte den Lebensweg, sein Schicksal darstellen.

 

Nachdem Thomas Häfner von der Düsseldorfer Kunstakademie abgegangen war (er hat die Akademie im Wintersemester 1954 verlassen), hat er im selben Jahr noch geheiratet. Dann haben die Eheleute das Atelier in der Hohen Straße bezogen. Das waren die „glücklichen“ Jahre. Später zogen sie in die Hans Jürgen Straße. Dann hatten sie mehrere Ateliers am Kreuzplatz, am Hauptbahnhof und in der Hunsrücker Straße gehabt.

 

In dieser Zeit entstand sein Freundeskreis. Zuerst hatte er nur Künstler, die er an der Akademie kennen gelernt hat. Das waren auch die „Jungen Realisten“. Später kamen seine „Käufer“ hinzu mit denen er in Freundschaft verbunden war.

 

Mit dem Ehepaar Prof. Dr. Helmut und Dr. Carla Ruska war er auch sehr befreundet. Thomas Häfner war einmal bei Ruskas eingeladen und dann hat er mich mitgenommen. Dadurch habe ich das Ehepaar Ruska persönlich kennen gelernt. Dann hat mich Herr Prof. Dr. Ruska einmal in seinen Institut an der Düsseldorfer Universitätsklinik eingeladen. Professor Dr. Ruska hat mit seinem Bruder zusammen, der Ingenieur war, das Elektronenmikroskop entwickelt.

 

Wer war denn noch bei Thomas Häfner?

 

Ich habe mit denen Kontakt gehabt, die abends bei Thomas waren.

 

Ich weiß, dass man Thomas abends immer besuchen konnte, auch spät in der Nacht.

 

Ja, das war überhaupt die beste Zeit. Da lohnte es sich überhaupt erst richtig.

 

Man war irgendwie in einer Veranstaltung. Diese war um 12:00 Uhr in der Nacht zu Ende und dann ging man zu Häfners.

 

(Er blättert in seinen Photos) Jetzt muss ich einmal Überlegen, wer diese Dame war.

 

Frau Kampmann?

 

Nein, das auf dem Foto war sie nicht. Aber Frau Kampmann gehörte zum engen Kreis.

 

Dagmar Koller oder Frau Mayer-Rudolfi

 

Ist mir nicht so geläufig.

 

Es kam eine Zeit, da war Thomas Häfner künstlerisch einfach ausgebrannt. Er äußerte, dass er nichts mehr zu sagen hat: „Ich habe nicht mehr zu sagen als das, was ich schon in meinen Bildern gesagt habe. Und wenn die Leute das nicht verstehen, dann kann ich trotzdem nicht mehr sagen.“

 

Das stimmt. Der Erfolg stieg langsam, er begann bekannt zu werden. Es konnte bei ihm das Gefühl entstehen, dass er unter Druck gesetzt war, malen zu müssen, damit der auch noch ein Bild bekam und der auch noch.

 

Zusätzlich zu dem was Sie sagten, kann bei manchen der Eindruck  entstanden sein (was ja bei manchen tatsächlich zutraf), dass er ausgepowert war. Wenn ich die Typen manchmal sah, ich habe mir die Namen nicht gemerkt, habe ich gespürt, der kauft nicht als Kunstfreund, sondern als jener, der meint, später ein Geschäft zu machen.

 

Kapitalanlage

 

Richtig, Kapitalanlage. Thomas Häfner war ja ausgepowert, er wusste nicht mehr, was er malen sollte. Dann sah er die Leute, die vor der Tür standen und ein Bild kaufen wollten, (Thomas hatte ja auch Menschenkenntnis) und da waren welche dabei, die wollten ein Geschäft machen.

 

Das sagen aber viele Künstler (fast alle).

 

Richtig, Thomas war aber sehr sensibel. Er hat ja seine Träume gemalt. Er gab in jedes Bild ein Stück von sich hinein.

 

Aber er war doch stark genug zu sagen (das ist auch ein Zitat) „Dir Arschloch verkaufe ich kein Bild“.

 

Ja.

 

Das habe ich von mehreren Personen auch schon gehört, dass er so mit den Leuten gesprochen hat.

 

Das war aber auch ein Beispiel dafür, wie seine Bilder gefragt waren. Der „harte Kern“ wollte immer kaufen.

 

Als Thomas die Walpurgisnacht malte, war ich sehr oft da, geschätzt jeden zweiten Tag. Mich hat fasziniert, wie meisterhaft er das Bild malte. Jeder Strich saß. Ich habe gedacht, Thomas malt so, als wäre das Bild schon fix und fertig und er zieht die Striche nur noch einmal nach. Er setzte mit einem kleinen Pinsel an und es stimmte.

 

Ich weis nicht, in wie weit man eine Antwort findet. Thomas Häfner hat sehr wenig Einzelausstellungen gehabt. Er hat insgesamt an recht vielen Ausstellungen teilgenommen. Lag das vielleicht daran, dass er nie vierzig bis fünfzig Gemälde (so viele braucht man für eine Einzelausstellung) bei sich hatte.

 

Da stimmt.

 

Weil er alles verkauf hatte, oder abgeschwätzt.

 

Ich meine jetzt nicht die Freunde, die gesagt haben, gib mir das Bild und Du bekommst in zwei oder drei Raten das Geld.

 

Da ist etwas dran, was Sie sagen. Vierzig bis fünfzig Bilder hat er nie bei sich gehabt.

 

Ich habe befreundete Künstler, die haben dreihundert Werke bei sich zu stehen. Es ist heute die Regel, dass ein Künstler 150 Gemälde hat.

 

Deshalb war Thomas Häfner in den Gemeinschaftsausstellungen mit zwei bis zehn Bildern vertreten.

 

Wenn er Einzelausstellungen machte, hingen cirka zwanzig bis fünfundzwanzig Bilder und später Plastiken.

 

Sie können das zum Beispiel im Werkverzeichnis von der Galerie Niepel sehen.

 

Das waren fünfzehn Stück. Das ist recht wenig.

 

Das Bild „Walpurgisnacht“ habe ich noch nicht trocken gekauft. Ich habe oft dabei gestanden, als Thomas malte. Auf einmal sagte er „Ja es ist fertig“. Dann sagte ich, ja ich möchte es haben. Da habe ich es spontan bekommen. Einige haben noch drauf gewartet. Thomas sagte mir, dass es etwa zwölf Interessenten gab.

 

Ich finde, das Bild ist faszinierend.

 

Ich meine, dass er das Leben als eine Dauermaskerade ansah. Die Menschen sind nicht das, wie sie sich geben. Nach dem Karneval erfolgt ja die Demaskierung.

Thomas hat sehr viel Träume gemalt. Träume sind sehr oft maskierte Traumgestalten. Es fließt vieles von dem in seine „Karnevalsbilder“ ein.

 

Maskerade spiegelt auch die Vergänglichkeit – oder - nicht so zu sein wie man ist.